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Mehrarbeit als Ausrede: Wenn Politik Verantwortung nach unten schiebt

Markus Söder und die Illusion der Mehrarbeit

Wenn ein Ministerpräsident vorschlägt, die Bevölkerung solle pauschal eine Stunde mehr arbeiten, dann ist das zunächst einmal ein politisches Signal. Leider kein gutes. Markus Söders Forderung wird als Beitrag zur Stärkung der Wirtschaft verkauft, als notwendige Reaktion auf internationale Konkurrenz und stagnierende Produktivität. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Idee jedoch weniger als Zukunftskonzept, sondern vielmehr als Rückgriff auf ein altbekanntes und längst widerlegtes Denkmodell: Mehr Arbeitszeit gleich mehr Wohlstand.

Diese Logik mag in einer industriellen Massenproduktion des vergangenen Jahrhunderts funktioniert haben, sie passt aber kaum noch zu einer modernen, wissensbasierten und digitalisierten Wirtschaft. Produktivität entsteht heute nicht dadurch, dass Menschen länger am Arbeitsplatz sitzen, sondern dadurch, dass Arbeit sinnvoll organisiert ist, Prozesse funktionieren und Technik unterstützt statt behindert. Wer ernsthaft glaubt, man könne wirtschaftliche Probleme durch pauschale Mehrarbeit lösen, blendet aus, wie Arbeit im Jahr 2026 tatsächlich aussieht.

Besonders auffällig an Söders Vorschlag ist die politische Bequemlichkeit. Statt strukturelle Probleme anzugehen, wird die Verantwortung elegant an die Beschäftigten weitergereicht. Nicht die schleppende Digitalisierung, nicht der Investitionsstau bei Infrastruktur, nicht der Fachkräftemangel durch schlechte Arbeitsbedingungen sollen das Problem sein, sondern angeblich eine Bevölkerung, die zu wenig arbeitet. Das ist eine Erzählung, die entlastet die Politik, aber belastet die Menschen.

Dabei ist die Realität eine völlig andere. Viele Menschen arbeiten längst am Limit. In Pflege, Bildung, Handwerk, Industrie und IT ist die Belastung hoch, die Personaldecke oft dünn, die Verantwortung groß. Für diese Menschen ist „eine Stunde mehr“ kein abstrakter Rechenwert in einer wirtschaftspolitischen Debatte, sondern ganz konkret weniger Zeit für Familie, Erholung und Gesundheit. In einer Gesellschaft, in der psychische Erkrankungen zunehmen und Krankheitsstände Rekordwerte erreichen, wirkt die Forderung nach pauschaler Mehrarbeit nicht entschlossen, sondern erstaunlich realitätsfern.

Hinzu kommt, dass Arbeitszeit nicht gleich Arbeitsleistung ist. Zahlreiche Studien und internationale Vergleiche zeigen seit Jahren, dass Länder mit kürzeren oder flexibleren Arbeitszeiten keineswegs wirtschaftlich zurückfallen. Im Gegenteil: Motivation, Eigenverantwortung und eine gute Balance zwischen Arbeit und Leben führen häufig zu höherer Produktivität und geringeren Ausfallzeiten. Menschen, die dauerhaft überlastet sind, arbeiten nicht besser, sie arbeiten irgendwann gar nicht mehr.

Eine moderne Arbeitsgesellschaft setzt deshalb auf andere Stellschrauben. Auf flexible Arbeitsmodelle, die sich an Lebensrealitäten orientieren. Auf Mitbestimmung und Vertrauen statt Kontrolle. Auf Weiterbildung, Automatisierung und Digitalisierung, die entlasten statt zusätzliche Bürokratie erzeugen. Vor allem aber auf die Einsicht, dass Menschen keine beliebig dehnbaren Produktionsfaktoren sind, sondern die Grundlage jeder funktionierenden Wirtschaft.

Die Forderung nach mehr Arbeitszeit wirkt vor diesem Hintergrund wie ein politischer Reflex aus einer Zeit, in der man komplexe Probleme mit einfachen Ansagen zu lösen versuchte. Sie ist kein Ausdruck von Gestaltungswillen, sondern eher ein Zeichen von Ideenarmut. Wer Zukunft sichern will, muss Arbeit neu denken. Wer Wohlstand erhalten möchte, muss Lebensqualität ernst nehmen. Und wer Menschen mehr abverlangt, sollte zuerst zeigen, dass Politik und Wirtschaft ihre Hausaufgaben gemacht haben.

Mehr Zeit zum Leben ist kein Luxus. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Menschen leistungsfähig, kreativ und gesund bleiben. Eine Wirtschaftspolitik, die das ignoriert, mag laut sein, aber sie ist nicht zukunftsfähig.